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Das Leben des heiligen Antonius


verfasst vom heiligen Athanasius,
Bischof von Alexandrien,
übersetzt von Evagrius, Priester in Antiochien.

Vitae Patrum, 1. Buch, S. 24-43.

Anmerkung des Übersetzers: Der „Mönchsvater“ Antonius (ca. 251-356) lebte als Einsiedler in der ägyptischen Wüste, zog schon zu Lebzeiten viele Schüler an und wirkte prägend auf das frühe Mönchtum. Dies ist hauptsächlich seiner Lebensbeschreibung zu verdanken, die Bischof Athanasius von Alexandrien (ca. 295-373) in griechischer Sprache um 357 verfasste und die Evagrius (+ ca 393) vor dem Jahr 388, in dem er Bischof von Antiochien wurde, ins Lateinische übersetzte. Die Vita sollte die Lebensweise des Antonius als eine besonders gelungene Form des christlichen Lebens darstellen und sie verbreiten. Dies gelang, da sich die allgemeine Bewunderung für Antonius mit der Empfehlung durch die beiden Bischöfe verband, die zwei bedeutende Bischofsstühle der damaligen Zeit innehatten. Das „Leben des heiligen Antonius“ gewann Vorbildcharakter bis zum heutigen Tag.

 

Vorwort des Evagrius für Innocentius

Der Priester Evagrius grüßt seinen im Herrn geliebten Sohn Innocentius.

Wörtlich aus einer Sprache in die andere zu übersetzen, verdeckt den Sinn, wie dichtes Gras die Saat erstickt. Wenn nämlich etwas in Beispielen und Bildern ausgedrückt ist, wird das, was man mit wenigen Worten sagen konnte, durch eine lange Umschreibung kaum erklärt. Um dies zu vermeiden, habe ich das Leben des heiligen Antonius, um das Du gebeten hast, so übersetzt, dass nichts vom Sinn verloren geht, auch wenn nicht alle Worte übersetzt sind. Mögen andere Silben und Buchstaben zählen, Dir soll es um den Sinn gehen.

 

Einleitung des Bischofs Athanasius von Alexandrien

Bischof Athanasius an die Brüder in der Fremde.

Ihr seid in den edlen Wettstreit eingetreten, Brüder, es den ägyptischen Mönchen, die durch ihre Ausdauer in der Tugend berühmt sind, gleichzutun oder sie noch zu übertreffen. Es gibt ja auch bei Euch schon viele Klöster, und der Name Mönch hat einen guten Klang. Eure Absicht wird zu Recht von allen bewundert, und Gott möge Euch gewähren, was Ihr im Gebet erfleht. Ihr habt mich gebeten, Euch über den heiligen Antonius zu schreiben, weil Ihr erfahren wollt, wie er begonnen hat, wie er vor dem heiligen Entschluss gewesen ist, welches Ende sein Leben genommen hat und ob es wahr ist, was man von ihm erzählt, damit Ihr Euch sein Beispiel zum Vorbild nehmen könnt. Mit großer Freude habe ich den Auftrag Eurer Liebe erhalten. Mich an Antonius zu erinnern, ist für mich selbst überaus gewinnbringend und nützlich. Ich weiß, dass Ihr mit Staunen hören und mit Eifer seiner Weisung folgen werdet. Antonius zu kennen ist ein vollkommener Weg zur Tugend.

Kurz gesagt, glaubt allen, die über ihn berichten, und seid sicher, dass Ihr erst das Wenigste gehört habt, weil man sehr viel über ihn sagen kann. Zweifellos kann niemand alles über ihn wissen. Weil Ihr mich gefragt habt, werde ich im Brief so viel wie möglich mitteilen, wenn ich auch nicht so erzählen kann, wie es seinen Verdiensten angemessen wäre. Ihr solltet alle, die von hierher kommen, eifrig befragen, denn wenn die einzelnen zusammentragen, was sie wissen, mag ein Bild entstehen, das ihm entspricht. Nachdem ich Euren Brief gelesen hatte, wollte ich deshalb einige Mönche zu mir einladen, vor allem diejenigen, die oft mit ihm verkehrten, damit ich mehr über ihn erfahren und Euch einen ausführlicheren Bericht schicken könnte. Aber weil die Zeit zu Ende geht, in der man noch segeln kann, war der Bote in höchster Eile. Deshalb habe ich mich beeilt, Euch das zu schreiben, was ich selbst wusste (denn ich habe ihn oft besucht) und was ich von jemandem erfahren habe, der viel Zeit mit ihm verbracht hat, um ihn mit Wasser zu versorgen. Dabei ging es mir um die Wahrheit, und ich wollte Extreme in beiden Richtungen vermeiden, damit weder jemand zu viel hört und die Anhäufung der Wunder nicht glaubt, noch damit umgekehrt jemand zu wenig über seine Verdienste weiß und meint, dieser wunderbare Mann trage seinen großen Namen zu Unrecht.

 

1. Kapitel

Antonius stammte von vornehmen und gottesfürchtigen Eltern, wuchs in Ägypten auf und wurde von den Seinen mit so großer Sorge erzogen, dass er nichts kannte außer seinen Eltern und ihrem Haus. Auch als er schon ein Junge war, fand er kein Gefallen am Lesen- und Schreibenlernen oder an albernen Kindergeschichten, sondern brannte vor Verlangen nach Gott und lebte, wie die Schrift sagt, in Unschuld in seinem Haus. Oft ging er mit seinen Eltern zur Kirche und war dort weder als Kind unruhig noch als Jugendlicher gleichgültig, sondern hörte den Lesungen aufmerksam zu und zog dauerhaften Nutzen aus ihren Weisungen, indem er sein Leben danach ausrichtete. Seine Eltern plagte er nicht, wie es in seinem Alter verbreitet ist, mit dem Wunsch nach abwechslungsreichem und leckerem Essen, er wollte keine besonderen Gerichte, sondern war zufrieden mit dem, was es gab, und verlangte nichts weiter.

 

2. Kapitel

Nach dem Tod seiner Eltern blieb er im Alter von achtzehn oder zwanzig Jahren ganz allein mit einer kleinen Schwester zurück. Für das Haus und die Schwester sorgte er gut. Kaum sechs Monate später ging er nach seiner Gewohnheit zur Kirche und dachte unterwegs darüber nach, wie die Apostel alles verlassen hatten und dem Erlöser gefolgt waren und viele, wie es in der Apostelgeschichte heisst, ihr Eigentum verkauft und ihnen den Erlös zu Füßen gelegt hatten, damit sie es an die Armen verteilten, und welch große Hoffnung für sie im Himmel bereitlag. Mit diesen Gedanken betrat er die Kirche, und es traf sich, dass gerade das Evangelium vorgelesen wurde, in dem der Herr dem Reichen sagt: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkaufe alles, was du besitzt, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben. Als er das hörte, nahm er es so auf, als wenn Gott selbst ihm dies in Erinnerung gerufen habe, diese Schriftstelle eigens für ihn vorgelesen worden sei und er vom Herrn einen Befehl erhielte. Sofort ging er nach Hause und verkaufte seinen Besitz. Es waren 300 Arura fruchtbares und sehr gutes Land, die er den Nachbarn schenkte, damit sie nicht in irgendeiner Weise ihm oder seiner Schwester hinderlich waren. Was er sonst an beweglicher Habe besaß, verkaufte er vollständig. Den nicht geringen Erlös gab er den Armen, behielt aber etwas für seine Schwester zurück, die eine schwächere Stellung hatte als er, weil sie eine Frau und noch jung an Jahren war.

 

3. Kapitel

Als er wieder einmal zur Kirche kam, hörte er den Herrn im Evangelium sagen: Denkt nicht an morgen. Da verteilte er auch den Rest seines Vermögens, den er noch zurückbehalten hatte, an die Armen. Er kehrte nicht mehr nach Hause zurück, sondern gab seine Schwester in die Obhut gläubiger und angesehener Jungfrauen, damit sie durch ihr Beispiel erzogen werde; er selbst aber, frei von allen Fesseln der Welt, nahm das harte und schwierige Vorhaben in Angriff.

Damals gab es in Ägypten noch nicht viele Klöster, und die zurückgezogene Einsamkeit kannte überhaupt niemand, sondern wer im Dienst Christi Fortschritte machen wollte, ließ sich abgesondert nicht weit von seinem Dorf entfernt nieder. Nun gab es auf einem kleinen Nachbargut einen alten Mann, der seit seiner frühen Jugend ein Einsiedlerleben führte. Als Antonius ihn sah, eiferte er ihm im Guten nach. Er begann auch selbst, sich in etwas größerer Entfernung von seinem Haus aufzuhalten. Wenn er erfuhr, dass sich jemand demselben Streben widmete, ging er hin, sammelte wie eine kluge Biene und kehrte nicht in seine Behausung zurück, bevor er nicht dem begegnet war, den er zu sehen wünschte; dann ging er, nachdem er gleichsam das Geschenk des Honigs erhalten hatte, wieder nach Hause. Da er jeden Tag seine Seele stärkte, richtete er sich von Anfang an so ein, dass er nicht die Angelegenheiten seines väterlichen Hauses und seiner Verwandten vor Augen hatte, sondern all sein Verlangen und seine innere Anspannung auf das richtete, was er begonnen hatte. Er arbeitete mit seinen Händen, denn er wusste, dass geschrieben steht: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Den Lohn für seine Arbeit verteilte er an die Bedürftigen, nachdem er davon genommen hatte, was er für sein eigenes Brot bezahlen musste. Er betete häufig, denn er hatte gelernt, dass man ohne Unterlass zum Herrn beten soll.

Dem Hören der Schrift widmete er solche Aufmerksamkeit, dass seiner Seele nichts entging, sondern er die gesamte Lehre des Herrn behielt und das Gedächtnis ihm die Bücher ersetzte. So richtete er sein Leben ein und wurde von allen Brüdern mit reiner Empfindung geliebt. Er war allen gehorsam, zu denen er in seinem Bemühen, etwas zu lernen, ging, und schöpfte die Gnaden, die jeder in besonderem Maße besaß: er bemühte sich um die Enthaltsamkeit des einen und die Liebenswürdigkeit eines anderen, er eiferte der Gelassenheit des einen, der Wachsamkeit eines anderen und dem Leseeifer eines dritten nach, er bewunderte an einem das Fasten, an einem anderen das Schlafen auf dem Boden, bei diesem schätzte er die Geduld, bei jenem die Sanftmut. Von allen nahm er sich in Liebe etwas zum Vorbild und kehrte, von allen durch Elemente der Tugend befruchtet, zu seinem Wohnsitz zurück. Dort dachte er über alles gründlich nach und bemühte sich, von jedem das Gute in sich zur Entfaltung zu bringen. Er stand nicht in Konkurrenz zu seinen Altersgenossen, aber dieser auserlesene Mann war von solch glühendem Eifer beseelt, dass er hinter niemandem in den beschriebenen Werken zurückbleiben wollte. Er tat es so, dass er alle an Ruhm übertraf, aber trotzdem von allen geliebt wurde. Die Nachbarn und die Mönche, zu denen er oft ging, nannten ihn einen Gottesfreund, wenn sie ihn sahen, und, wenn die Begriffe der Natur hier gestattet sind, die einen liebten ihn wie einen Sohn, die anderen wie einen Bruder.